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Ein Traum in Zeiten des Krieges

 

Ich bin sprachlos angesichts des Krieges in der Ukraine. Meine Sprachlosigkeit erstreckt sich von Erklärungsversuchen über naheliegende Appelle bis hin in die Gebetssprache, die ohnehin immer eine ohnmächtige ist, auch schon ohne vernichtende Angriffe von Menschen auf andere Menschen. In diesen Tagen, so scheint mir, ist auch der tragende Grund unter unserer Sprache bloss ein wachsender Hügel Trümmerteile.

 

 

Aber wie so oft, wenn die Sprache versiegt, sucht sich Sagbares andere Wege. Manchmal aus den dunkelsten Tiefen des Traumbewusstseins. Ich träumte also vorletzte Nacht, in jener Nacht in der wir als Welt offenbar nur knapp einem Atomdesaster entgingen. Und es war ein Traum, aus dem ich immer wieder erwachte und der sich dennoch immer fortsetzte, wenn ich wieder einschlief, als müsste ich mir alles ansehen, von Anfang bis Ende, das, was sich rückblickend so anfühlt wie: drei Wurzeln des Krieges. Und nein, dies ist keine Erklärung. Dies ist ein Traum, nicht mehr und nicht weniger. Und wer sich von mir Zeit stehlen lassen und diesen langen Text lesen mag, in diesen Zeiten, lese ihn.

 

 

Kapitel 1: Die Bärenhöhle

 

 

Ich träumte, ich lag in einer dunklen Höhle, und um mich herum lagen viele Körper, wir alle versuchten zu schlafen und ich nahm die Wärme der anderen Körper wahr, und den Schlaf der Anderen, die Ruhe und die Zerbrechlichkeit dieser Ruhe. Erst war ich selbst Teil dieser satten Ruhe, aber dann löste ich mich davon. Und während ich in diesem Szenario wacher und wacher wurde, sah ich mich um, bis meine Augen sich genug an das Dunkel gewöhnt hatten und ich erkannte: die Körper, die um mich herum liegen, das sind keine Menschen. Es sind Bären. Große, braune, ausgewachsene, wilde Bären. Und sie schnarchten und stöhnten im Schlaf und ich war mitten unter ihnen. Ich wurde mir der Gefahr bewusst, in der ich mich befand. Ich, eingeschlossen von übermenschlich starken Körpern. Würden sie wittern, dass ich kein Bär bin? Würden sie bemerken, wenn ich versuchte, die Höhle auf leisen Sohlen zu verlassen?

 

Ich stand leise und langsam auf, mit angehaltenem Atem, und suchte die kleinen Lückenzwischen den Körpern, um dort meine Schritte zu platzieren. Immer wieder hielt ich inne, wenn sich ein Bär bewegte und aufzuwachen drohte. Als ich schon ein gutes Stück geschafft hatte, bemerkte ich, dass etwas meine Hand festhielt. Ich blickte in die Richtung meiner Hand und sah eine riesige Bärenpranke mit langen Krallen. Das äusserste Ende dieser Krallenspitzen hielt meine Fingerspitzen fest. Ganz sanft. So sanft, dass meine Haut davon nicht geritzt wurde. Und ich begriff, dass diese Pranke mit dieser Wildheit, mit dieser Bär-heit, obwohl unendlich zart wie eine längst verblasste Erinnerung, mich immer noch hält. In der Höhle. In den Körpern. Der Bär und ich, immer noch ungetrennt. Es fiel mir wie Schuppen von den Augen, dass es eine rohe ungezähmte Wildheit gibt, der ich immer noch untrennbar verbunden bin. Etwas instinktives, unkultivierbares, etwas von dem ich fälschlicherweise glaube, es überwunden zu haben. Die Höhle habe ich nicht verlassen, im Traum. Ich verharrte in dieser Pose, "Hand in Hand" mit dem Bären. Unentrinnbar. Aber indem ich diese Pranke nicht losliess sondern sie unablässig betrachtete, indem ich nicht floh und mich nicht losriss, blieb mir das befürchtete Schicksal, gefressen zu werden, erspart.

 

 

Kapitel 2: Die vergiftete Männlichkeit

 

 

Im zweiten Kapitel meines Traums ging ich auf einem Friedhof spazieren. Ich genoss das frühlingshafte Grün um mich herum, als mir plötzlich ein alter Bekannter entgegenkam. Nennen wir ihn R. und ich möchte erwähnen, dass R. über viele Jahre in meinem Leben als "Freund" auftauchte, doch immer wieder auf so unangenehme Weise, als müsse ich an einem einzigen Mann von Anfang bis Ende lernen, was "toxische Männlichkeit" eigentlich ist.

 

 

Wie auch im echten Leben baute sich R. also im Traum urplötzlich vor mir auf, körperlich massig, überlegen, und mit einer Süffisanz, die diese Überlegenheit genießt. Er beugte sich vor um mich zu umarmen, aber ich entzog mich. Schon die erste Sekunde unserer Begegnung reine Grenzüberschreitung: im Blick, im Gestus, in der Lautstärke der Stimme. "Ach du bist auch hier" brüllte er fast, alle Aufmerksamkeit vorbeilaufender Menschen auf sich ziehend. Er kam wieder näher, verwickelte mich in ein Gespräch, zog aber alles was ich sagte ins Lächerliche, und mit jeder Sekunde fühlte ich mich schlechter. Er verwickelte andere Leute in das Gespräch, und spielte sich auf wie einer, der etwas über mich zu erzählen weiss. Er erzählte den Passanten wer ich sei, wo ich wohnte, was mein Geburtshaus sei und wann dieses Geburtshaus gebaut worden sei. Und alles was er sagte, war falsch. Er log und irrte, und das ganz unbeirrt, und schrieb damit meine Geschichte neu. Es war wie ein Identitätsdiebstahl, eine Geschichtsfälschung, und er wurde immer lauter, als müsse er alle Lügen die er erzählte nur mit großer Überzeugung vortragen und man werde ihm schon glauben. Ich widersprach und widersprach, fiel ihm immer wieder ins Wort.

 

 

Immer wieder entzog ich mich ihm, seinen Lügen, seinem Spott, seiner körperlichen Übermacht, bis ich mich ganz von ihm entfernte und mich unter einer Tanne mit langen herabhängenden Zweigen versteckte. In meinem Versteck dachte ich darüber nach, was ich tun würde, wenn ich mich nun nach Hause schliche und er mir nachschliche, denn ich wusste, das würde er tun: mir nachstellen. Es nicht auf sich beruhen lassen.

 

 

Und mir ging auf, welches Gift in diesen kranken Ideen von Männlichkeit liegt, und wie sehr sie den Mann selbst, und jede, die ihm begegnet, und alles was ihm in die Finger kommt, deformieren. Mir ging auf, dass es keinen Menschen auf diesem Planeten gibt, der nicht schon in das reißende, zerstörerische Mahlwerk dieser aggressiven, toxischen und hegemonialen Männlichkeit geraten ist, dieser Männlichkeit, die sich auszeichnet durch:

 

 

Dominanz

 

Grenzüberschreitung

 

Verachtung

 

Geschichtsfälschung, Identitätsvernichtung

 

Gaslighting

 

Besitzansprüche ggü. Menschen und ihrer Verfügbarkeit

 

 

An dieser Stelle wachte ich auf, weil die Verdichtung dieser Gifte kaum zu ertragen war und mir davon körperlich schlecht wurde. Aber weil ich so müde war, schlief ich wieder ein, und der Traum knüpfte nahtlos an meinen Spaziergang auf dem Friedhof an.

 

 

Kapitel 3: Die religiös maskierte Lebensfeindlichkeit

 

 

Ich befand mich immer noch auf dem Friedhof, nur R. war über alle Berge. Stattdessen füllte sich der Friedhof nun mit jungen und alten Menschen die gekommen waren um an einer Veranstaltung teilzunehmen. Auf dem Friedhof sollte ein Fest stattfinden, auf dem eine neue religiöse Gruppierung Zeugnis ablegen und von ihrer Spiritualität erzählen wollte. Auf dem Friedhof waren Lautsprecher verteilt, manche standen auf historischen Gräbern, manche in den Bäumen, manche waren in steinernen Grabfiguren verborgen.

 

 

Ich setzte mich auf ein Grab und machte es mir bequem. Schlug ein Buch auf doch las nicht darin, bis der Hauptredner des Events Zeugnis ablegen wollte, und sein Testimonial zu sprechen begann. Und ich konnte ihn nicht sehen, wohl aber seine Stimme aus den Lautsprechern hören, und seine Stimme klang für mich unehrlich und schwach. Aber ich wollte mehr über das erfahren, was er zu erzählen hatte. Er erzählte, wie viel ihm seine Religion bedeute und wie sehr sie sein Leben verändert habe, bis er zu seiner Kernaussage kam, und die bezog sich auf das zentrale Symbol dieser religiösen Bewegung. Denn auch wenn wir auf einem christlichen Friedhof sassen und überall Kreuze zu sehen waren, so war das zentrale religiöse Symbol dieser neuen Bewegung ein anderes: es war eine (Stein-)Schleuder, solcher Art wie wir sie aus der Geschichte von David und Goliath kennen.

 

 

Der Redner sprach darüber, wie viel ihm dieses Symbol bedeute, und er beschrieb Meditationspraktiken, in denen er sich ganz und gar auf dieses Symbol einlasse und konzentriere, bis es ihn verändere, bis es ihn umforme, und er sagte "Wenn ich mich wirklich einlasse auf die Schleuder, dann geschieht es, dass meinen Händen alles entgleitet".

 

 

Während er das sagte, entfaltete sich vor meinem inneren Auge die Dialektik dieser zunächst so banal erscheinenden Aussage: denn zum einen kann dieses "entgleiten" für den, der eine Schleuder hält bedeuten, dass der Abschuss des Steins sich auf ganz organische und harmonische Weise anstrengungslos vollzieht, etwa so wie beim meditativen Bogenschießen. Das Ergebnis solchen "Entgleitens" wäre ein Treffer, ein vollzogener Schuss, ein Triumph.

 

 

Zum anderen könnte aber "entgleiten" bedeuten, dass der, der die Schleuder hält, die Schleuder sinken lässt und es nie zum Schuss kommt. Dass die ganze Idee und Vollzug dessen, die Schleuder zu benutzen, entgleitet und die Idee der Schleuder sich "aufhebt".  Kein Schuss, kein Triumph.

 

 

Beides transzendiert eine Grenze. Im ersten verschwindet das Ich in der Schleuder. Im zweiten verschwindet die Schleuder im Selbst.

 

Die Ambivalenz des Testimonials war, dass ich nicht wusste, welches von beiden er meinte.

 

 

Beide beschreiben einen Akt des Loslassens. Beide Varianten des Loslassens möchten etwas beseitigen, das zwischen mir und dem wahren Menschsein steht: das falsche Selbst, die falsche Absicht, die falsche Perspektive, der Widerstand, der Eigenwille, und so weiter - mit anderen Worten: etwas steht dem Ausdruck reiner Göttlichkeit im Weg.

 

 

Im Traum erschienen mir beide Varianten unerträglich falsch. Daher donnerte die Erkenntnis im Traum auch mit dramatischem Bildeinsatz herein: der Kopf einer historischen Jesusfigur brach geräuschvoll ab und rollte symbolträchtig über die Gräber, wie um zu besiegeln, dass der Transzendierungswunsch für sich genommen bereits kriegerisch ist.

 

 

Nachdem der Kopf gerollt war und alle mehr oder minder beeindruckt davon den Atem anhielten, wurde mir mit meinem ganzen Körper bewusst dass ich auf einem Grab sitze. Dass wir alle auf Gräbern sitzen. Dass unter uns die Welt der zahllosen Toten webt und wandert, und wir diese Welt befragen müssen. Mehr als den religiösen Bekenner, mehr als das Buch voller altem Wissen in der Hand (meines war von 1500 und sehr unleserlich), mehr als eine religiöse Idee, deren Mitte ein Symbol des Kampfes ist.

 

 

Plötzlich hatte ich das Gefühl, die Toten unter der Erde griffen nach mir. Mit erdigen, moosigen, freundlichen Händen und unzähligen Geschichten, die noch auf ein gutes Ende warten.

 

 

Ich wachte auf und es war immer noch Nacht.

 

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Wer mich kennt, weiß, wie wichtig mir Träume sind. Ich verdanke meinen Träumen viel, vor allem den Alpträumen. Gerade in den letzten Jahren empfinde ich es so, dass Träume weit mehr sind als das was ich ohnehin glaube oder weiß - dass sie viel mehr eine Sogrichtung bebildern, die viele Menschen spüren. Träume sind für mich daher auch immer die Weisheit der Anderen, die mich besucht. Ich bedanke mich für jeden Besuch dieser Art.

 

 

Die Bilder des Traums sprechen wohl für sich. Aber wenn ich sie interpretieren sollte, gerade auf dem Hintergrund meiner spirituellen Perspektive, dann würde ich sagen:

 

 

Zu Kapitel 1:

 

 

Der Bärentraum erzählt mir etwas über unsere rohe Wildheit, unsere Instinkte, unser Natursein, und darüber wie töricht es ist, diese auf eine Art zu bezähmen oder zu kultivieren, die letztlich bloss Flucht oder Verleugnung ist. Vielmehr gilt es das Gleichgewicht zu wahren, indem die menschliche und die tierische Hand einander sanft halten. Anerkennen, was ist, würdigen, was ist, ansehen, was ist.

 

Im Traum begriff ich erst langsam, dass die anderen Bären sind und ich nicht Bär bin. Es war wie die Herauslösung aus der Symbiose hinein in die Individuation. Und dieser Prozess ist immer mit Schrecken verbunden, aus einem werden zwei, und das Andere zu sehen und sich selbst als verschieden davon ist ein Urschmerz unserer Existenz, ob er nun unseren Bruch mit der Natur oder unseren Bruch mit Gott oder unseren Bruch mit dem Nächsten betrifft: ein Schmerz, der unfassbar zerstörerisch werden kann, wenn wir ihn uns nicht bewusst machen und Wege finden, ihm zu begegnen.

 

 

Das Bärenkapitel ist überdies eine Absage an Anthropozentrismus. Hier triumphiert nicht das Menschsein über das Bärsein, hier gibt es keine Erzählung von Hierarchie und Überlegenheit. Hier hängt ein fragiles Gleichgewicht zwischen der menschlichen Fingerkuppe und der Bärenkralle und erinnert mich daran, dass der Mensch nicht die Krone der Schöpfung, sondern eine Erzählung der Natur ist. Eine Erzählung unter vielen.

 

 

Dass wir in einer dunklen Höhle lagen ist wiederum symbolträchtig, denn die dunkle Höhle ist natürlich ein Mutterarchetyp und ein Ort der (Neu-)Geburt. Was an uns könnte also neu werden, wenn wir begriffen was hier erzählt wird?

 

 

Zu Kapitel 2:

 

 

Durch alle großen Schrecken unserer Zeit zieht sich wie ein roter Faden ein krankendes, ein vergiftetes Bild von Männlichkeit. Wir sehen es auch in diesen Tagen in den sprechenden Bildern des Krieges, die immer auch um symbolhafte, mobilisierende, euphorisierende Männlichkeitsideale ringen: der unverwundbare Herrscher, der mächtige Kriegsherr, der opferbereite Held. Wir sehen unerreichbare Männer an endlos langen Tischen, volksnahe Männer an Maschinengewehren, wir sehen Augen voller Entschlossenheit, Kalkül, Mut, Stärke.

 

Und viel zu selten stellen wir die Frage, die seit so langer Zeit in jedem Raum steht wie der sprichwörtliche Elefant, wie viel Krieg, Terror, Gewalt sich diesen Ideen von Männlichkeit verdanken: Männlichkeit, die herrscht. Männlichkeit, die sich nimmt was sie will. Männlichkeit, die zerstört. Männlichkeit, die droht und vergilt und dominiert. Männlichkeit, die Grenzen überschreitet, Geschichten auslöscht und neu schreibt, die genießt, gefürchtet zu werden.

 

 

Ich wage zu behaupten, es gibt niemanden, der noch nicht in Kontakt mit solcher Männlichkeit gekommen ist. Insbesondere Frauen sind immer und immer wieder mit dieser Männlichkeit konfrontiert. Das beginnt im Kleinsten in der U-Bahn, am Arbeitsplatz, in der Ehe, in der Werbung, und endet auf den großen Kriegsschauplätzen, in deren Schrecken wir uns die Augen reiben und uns fragen: wie konnte das geschehen?

 

 

Nein, es geht hier nicht um Männer. Es geht um Ideen von Männlichkeit, die in sich so vergiftet sind, dass sie überall da wo sie ausgelebt werden nur weiteres Gift verbreiten, an dem wir alle tausend Tode sterben. Und es ist an der Zeit, dass wir diese Dinge klarer benennen, dass wir alle, insbesondere Männer, uns lossagen von diesem Gift, überall da wo es sich zeigt, so wie ich im Traum dieser Männlichkeit widersprach, mich ihr entzog, ja, mich auch vor ihr versteckte um mich vor ihr zu retten, um aus sicherer Entfernung darüber nachzudenken, wie diese Macht zu unterlaufen sei.

 

 

Zu Kapitel 3:

 

 

Das Gift dieser gewaltvollen Männlichkeitsideen findet sich auch und gerade hier: in unseren Religionen und spirituellen Traditionen. Das ist kein Geheimnis und daran wurde bereits endlos geforscht. Doch ungeachtet unseres Wissens um den Einfluss patriarchaler, hegemonialer, misogyner, rassistischer, kolonialer, ausbeutender, unökologischer, körperfeindlicher und lebensverneinender religiöser Ideen bewegen wir uns oft immer noch in deren Fahrwasser. Wollte man die christliche Theologie davon befreien, was bliebe von ihr übrig? Wollte man den Islam davon befreien, was bliebe? Gleiches darf man fragen in Bezug auf den Buddhismus, der in großen Teilen ein massives patriarchales Erbe trägt, und in Bezug auf alle großen religiösen Strömungen.

 

 

Es ist nicht damit getan, ein religiöses Symbol gegen ein anderes einzutauschen. Wir müssen das Zerstörerische am Grund all unserer religiösen Zeichen erforschen. Die Steinschleuder ist ein Kampfsymbol so wie das Kreuz ein Folter- und Mordsymbol ist. Es ist auch nicht damit getan, in alten religiösen Büchern zu lesen und zu wiederholen was sie sagen, oder die Dialektik der Dinge auf dem Meditationskissen zu entdecken und uns damit zu beruhigen.

 

 

Weit mehr Ideen als wir denken, innerhalb östlicher Philosophie wie abendländischer Mystik sind *männlich* im ungünstigsten Sinne. Die ganze Praxis und Symbolik eines Frommen auf einem sauberen Meditationskissen vor einer weissen Wand, abgeschnitten von Chaos, Geräuschkulisse und Duft der Erde schien mir nie absurder und lebensfremder als heute. Das Erbe des Neoplatonismus, wie tief hat es uns von der Welt getrennt? Und immer wieder das Gereinigtwerden, das niemals endet, ob in der Kirche, beim Geistheiler oder in der Detox-Wellnessburg. Werde rein! Wovon? Wozu? Das Transzendieren als wiederkehrendes Motiv der Selbst- und Weltüberwindung, wie gesund fühlt es sich heute noch an?

 

 

Der Kopf Jesu rollt im Traum über Gräber, wie um mir zuzurufen, dass die Zeit endgültig vorbei ist, in der wir Gott als Mensch dachten und in den Himmel verfrachteten, um die Erde auf viele Weisen hassen zu dürfen.  Dass die Zeit vorbei ist, in der wir immer wieder einer wirklicheren Wirklichkeit hinterherliefen während unter unseren Füßen die Blumen blühten. Dass die Zeit vorbei ist, in der wir von einem wie auch immer gearteten Aufstieg träumten, weil dies die Zeit des Abstiegs ist. Embodiement ist das Gebot der Stunde, da bin ich sicher, nicht Erleuchtung, nicht Transzendierung, oder Transfiguration, nicht Taboritis, Satori oder bliss.

 

 

Und ja, ich möchte die Symbolik des letzten Traumbildes aufgreifen, in der ich auf einem grünenden Grund sass, die dunkle Welt der Toten unter mir, die Welt des Abstiegs, aus der es freundlich heraufgrünte mit tausenden Geschichten. Es war, als könne nur mein Körper erlauschen, wozu meine Gedanken nicht imstande sind.

 

 

Nehmen wir das schöne Angebot der Inkarnation doch mal wahr, nicht von oben nach unten, nicht vom Geist in die Materie, nicht vom Reinen ins Unreine oder vom Übergeordneten ins Niedergeordnete, kommen wir doch mal wirklich an, dort wo wir sind, ohne anzunehmen, dass uns noch eine komplizierte Menschwerdung bevorstünde. Schlagen wir doch mal die Augen unserer Zellen auf, hier und jetzt und als das was wir sind.

 

 

Im Moment bin ich der Menschwerdung müde. Ich möchte im Moment nicht lernen, noch mehr Mensch zu sein, möchte das Menschsein nicht noch mehr über die Dinge zwingen, als wir es bisher taten. Ich möchte viel eher lernen, zu lauschen. Was die nichtmenschliche Welt mir zu erzählen hat. Der Wind, die Birke, die Dohle. Das Rhizom, der Berg, die Quelle. Das Seufzen der Zeit. Die Zeile eines Gedichtes, das noch ungeschrieben ist. Ich möchte meine Stimme herausnehmen aus den Dingen, damit ich höre, was die Vielfalt des Lebens zu sagen hat, die -anders als ich- nie auf mich herabgesehen hat.

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Hypnosetherapeut Simon Brocher aus Köln (Dienstag, 22 März 2022 12:28)

    Hallo,
    Die Ukraine befindet sich wegen des russischen Angriffs in einer Notlage. Lasst uns für die Sicherheit der Menschen beten.

    Mit freundlichen Grüßen
    Hypnosetherapeut Simon Brocher aus Köln

  • #2

    Ulrich Schaffer (Donnerstag, 28 April 2022 14:12)

    Liebe Giannina, ich habe selten etwas so Gutes gelesen wie deinen Traum und dann auch deine Auslegung. Ich sollte vielleicht sagen, dass ich nie etwas so Passendes für unsere Zeit gelesen habe. Ich sage das auch ganz bewusst als Mann, der auch unter dieser Männlichkeit, die mich überall umgibt, leidet. Ich stimme mit dir überein, dass es benannt werden muss und dass wir anders leben müssen, wenn diese Welt eine Chance haben soll. In meinen Gedichten versuche ich diese andere Welt immer wieder sichtbar zu machen. Und in meinem Leben versuche ich sie zu leben. Auch ich habe nicht mehr Gebrauch für die immer neuen Ausflüchte und Ausgeburten, die die Esoterik anbietet. Es sind so oft nur Ersatzleistungen, die unserer Misere nicht auf den Grund gehen und die Probleme nur verschleppen. Ich danke dir, dass diese andere Haltung auch in deinem neuen Gedichtband HERZKAMMER DER NACHT spürbar ist. Es ist ein kostbares Buch.
    Ulrich Schaffer, Schriftsteller, in Kanada zu Hause, jetzt im April 2022 auf Lesereise in Deutschland