Verflochten
Auslese · 21. Juni 2021
Noch während du dich gottverlassen fühlst legt die Spinne, deren Netz deine Traurigkeit hören kann, einen neuen Faden an. Noch während du deine Einsamkeit bedauerst, hält das Lied des Zeisigs deinen Mut aufrecht, und schimmert der Tautropfen, in dem ein ganzes All lebendig ist, deinem Blick entgegen. Noch während du nach einem Wort suchst, das deinem Schmerz einen Namen gibt, rufen die Steine den Regen und einen sanften Wind herbei, damit der Petrichor dir warmen Trost in deine Sinne...
Fest des Lebens
Biblisches · 04. April 2021
Ostern wäre, wenn wir einander Mensch würden. Wenn wir aufhörten, dem Tod zu huldigen. Wenn wir die menschengemachten Tode beweinten, hier in unserer Mitte. Wenn wir die Höllen leerten, die wir selbst bis zum Rand gefüllt haben. Wenn unsere Religion erwachsen würde. Wenn wir aus dem Kindsein aufstünden, das kein Gebet kennt als „Vater, gib, Vater, mach!“. Wenn alles Rettende nicht länger auf den Schultern eines fernen Helden läge. Wenn alles Schmerzliche nicht einem fremden Herren...

Das Motiv der Höllenfahrt
Veröffentlichungen · 02. April 2021
In der Osterausgabe von Publik Forum findet Ihr auch eine Betrachtung aus meiner Feder, zum etwas vernachlässigten Thema "Abstieg Christi in die Unterwelt" (und dem famosen Bild von Andrea Mantegna). Ihr könnt die Ausgabe auf Papier oder als EPaper kaufen, und auch den Artikel einzeln freischalten. (bitte anklicken) Auch in der Ausgabe 83 der Tattva Viveka schrieb ich letztes Jahr einen ausführlichen Artikel zur Wunde, im Hinblick auf das Motiv der Höllenfahrt Christi. Auch diesen Artikel...
Gründonnerstag
Biblisches · 01. April 2021
Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir. Eine Geste der Demut, eine mütterliche Geste, eine Geste der Hingabe, sicherlich. Und doch noch mehr, eine Handlung, die wie ein mächtiges Symbol, wie ein fortwirkendes Zeichen den Raum einnimmt und das Geschehen überformt, das All-tägliche entgrenzt und in die Weite des Alls fliessen lässt. Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir. Spricht der Christus, und nimmt deine Füße in die Hände. Deine Füße, diese...

Nicht heute, sondern jeden Tag
Kritisches · 08. März 2021
Zum feministischen Kampftag (some call it Weltfrauentag) gäbe es sicher viel zu sagen, zum Beispiel, dass cis Frauen, trans Frauen, nicht-binäre Menschen, queere und gender-nonconforming Personen unter patriarchaler Gewalt leiden, und das jeden Tag und überall in der Welt. Dass immer noch nicht oft genug das Wort Femizid in den Mund genommen wird. Dass male gaze, rape culture und das ganze Paket toxischer Männlichkeit so tief in den Alltag verflochten sind, dass Auswege nur unter großen...
 Notizen zu Corona V: Sehnsucht, Krise und Befreiung. Was erschaffen wir?
Kritisches · 31. Januar 2021
"Was fehlt dir am meisten?" höre und frage ich in letzter Zeit häufiger, in Bezug auf die Lockdowns, aber auch auf das pandemische Geschehen schlechthin, das uns in vielen Dingen zurückhaltender und vorsichtiger macht. Es ist nun fast ein Jahr Ausnahmezustand. Gewisse Dinge sind neue Gewohnheiten geworden. Hier und da hat sich ein Dauerverzicht breitgemacht. Also, was fehlt dir am meisten? Da höre ich oft: "Berührung". Die Liebsten, die Freund*innen, die Bekannten einfach mal sorglos in...

Ein Leben lang
Lyrisches · 29. Januar 2021
Ein Leben lang Der Mond liegt heute fröhlich auf den Dächern. Ich schaue hin und sehe mich nicht satt, und trinke Licht aus himmelblauen Bechern, wie eine die sich selbst vergessen hat. Nichts unter mir als daunenweiche Erde. Sie wirft mich in die Luft und fängt mich auf. Ein Leben lang bloß fallen. Stirb und werde, und störe nicht die Welt in ihrem Lauf.
Zu Gast
Lyrisches · 12. Januar 2021
Mein Morgen gehört der Taube auf dem Dachfirst, die ruft und wartet, und sich mit gekreuzten Flügeln geduldig unter regenschwere Wolken schmiegt. Mein Mittag gehört dem Rauschen der Pappeln am Wegkreuz, dort wo sich drei Linien treffen wie das Gestern und Heute und ein Morgen, das uns noch erträumt. Mein Abend gehört dem Schatten unter den Tannen, der wächst und wandert und mit rußschwarzen Fingern unzählige Namen in verschwiegene Erde schreibt.

Jahresende
Lyrisches · 31. Dezember 2020
Ich lege dieses Jahr und seine Schmerzen, und seine laut gewordne Müdigkeit in tiefe Erde, zu den edlen Erzen, in mütterliche Winterdunkelheit. Ich löse alle Fäden meines Bangens in dieser Welt sei jeder stets allein, vor mir die Spur des innigsten Verlangens, ein Mensch im All der Menschlichkeit zu sein. Ich träume, mich wie Wurzeln zu verzweigen, den Gräsern gleich zum Himmel aufzusehn, mich vor der Stille tiefer zu verneigen, in alle Dinge lächelnd heimzugehn....
Von Krippe, Kirchenschuld und der Kakophonie der Anti-Gender-Debatte
Kritisches · 29. Dezember 2020
In diesen Tagen habe ich von Kirche oft gehört, wir sollten uns den Einsamen widmen, sie nicht vergessen, sie anrufen, ihnen schreiben, ihnen mit Maske aus der Ferne zum Balkon raufwinken. Und ja, daran gibts nichts zu mosern, denn Einsamkeit ist jedes Jahr aufs neue eine Tragödie, und in diesem Jahr sicher noch mehr, und ich bin dankbar für jeden Menschen, der die Einsamkeit des anderen mitdenkt, mitfühlt und sich da in der Verantwortung sieht. Aber ich denke jedes Jahr aufs Neue, wieviel...

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