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Ein Geheimnis in jedem Leiden

Als ich 16 Jahre alt war, sagte ein Jesuitenpater zu mir "Es gehört zu den schwersten Dingen im Leben, zu lernen dass man dem Anderen das Kreuz nicht abnehmen kann, das er trägt."

Schrecklich eigentlich, dass das Bild von einem Mann, der sein Folter- und Sterbeinstrument auf dem Rücken trägt, halbtot geprügelt und restlos ausgeliefert, in unserem kulturellen Gedächtnis zur Blaupause eines Menschen geworden ist, der seine Leiden annimmt und bis zum Ende und dem "Danach" durchfühlt. Ich wünschte, wir hätten das mit einem anderen Bild belegt, vor allem mit einem, das nicht die Schmerzerfahrung und Vulneranzerfahrung gleichsetzt. Aber nun ist es so.

Die Worte des Priesters beeindruckten mich damals aus vielen Gründen. Manche der Gründe sind gar nicht so rühmlich: das Christentum, mit dem ich mich Tag und Nacht leidenschaftlich auseinandersetzte, war bereits gründlich dabei, eine Identität aus Helfersyndrom und Masochismus in mir heraufzubeschwören. Ich glaube, das kann ich so sagen, ohne allzuviele religiöse Gefühle zu verletzen: die christliche Ikonographie aus Leiden, Duldungsfähigkeit und gleichzeitiger unerschütterlicher Barmherzigkeit hat ihre hochproblematischen Seiten - insbesondere für heranreifende Persönlichkeiten, die ihren Platz in der rauen Welt da draussen, aber auch in der religiösen Innenwelt mit ihren Verknüpfungen aus Schmerz und Erlösung erst finden und sich darin behaupten müssen.

Dass mich der Priester nun in meinen vermeintlichen selbstquälerischen Rettungsfantasien, der ganzen Welt ihr "Kreuz" abnehmen zu wollen obwohl das doch "Jesus Christus erledigt" habe, ausbremste, und das mit demselben erzählerischen "Material", das die Neigung zu Selbstverleugnung, Grenzüberschreitung und Leidensüberhöhung ja gewissermaßen erst legitimierte, war eine besondere Ironie der Geschichte. Manchmal ist das Christentum eben auch einfach nur die Lösung eines Problems, das es vorwiegend selbst geschaffen hat.

 

Der Priester hatte mich länger begleitet und ihm war aufgefallen, dass ich so etwas wie eine erhöhte "Permeabilität" an mir hatte, sodass es mir Schwierigkeiten bereitete, nicht unter jedermanns/fraus/tiers/dings Leiden in die Knie zu gehen. Aber anstatt mir Wege aufzuzeigen, wie ich mit dieser hohen Sensibilität, Empfänglichkeit und Einfühlung umzugehen imstande wäre, oder wie ich meine Grenzen ausloten und stabilisieren könne, wie ich lernen könnte in diesem Meer aus Schmerz zu schwimmen anstatt darin zu ersaufen, verwies er mich auf die Notwendigkeit, es mir in der Ohnmacht einzurichten. Meine Ohnmacht, Gottes Allmacht - das war der Horizont auf dem ich mich bewegen sollte, auch und gerade wenn ich sah, dass Menschen, die ich liebte, auf eine für mich kaum zu ertragende Weise litten.


Ich muss wohl nicht erwähnen, dass mir das nicht half und dass eine solche Blutgrätsche zwischen "Du vermagst nichts" und "Gott vermag alles" die eigentlichen Nöte darin nicht mal berührte.

 

Viele Jahre dachte ich daher trotzig, neben dem überlieferten Schrei Jesu am Kreuz "Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?" müsste es eine biblische Erzählung über einen mindestens genauso markerschütternden Schrei geben, nämlich den: "Gott, mein Gott, warum hast du sie/ihn verlassen?" Womöglich ging es den Jünger*innen so und der Mutter Jesu und all den Mit-Leidenden die sich auf dem Kreuzweg tummelten, aber ihr Leiden war mir zu stumm, ich stellte sie mir inwendig weinend vor, und inwendig weinen war ich leid.

 

Es war meine Lehrerin in der Schule, die mir kurze Zeit später ein viel einleuchtenderes und im übrigen "erwachseneres" Bild ins Herz pflanzte. Sie war eine sehr aufmerksame Beobachterin und in einem unserer vielen Gespräche konfrontierte sie mich mit dem, was sie an mir als ein ausgeprägte "Mitleidenskraft" erkannt zu haben meinte (originell auch, dass sie es eine "Kraft" nannte, und eben nicht eine "Permeabilität", allein das legte mir einen anderen Geschmack in den Mund).

 

Sie machte sich Gedanken, wie es mir damit im Laufe meines Lebens ergehen würde. Und weil sie evangelisch war, fehlte es ihr erfreulicherweise an der katholischen, geradezu talismanischen Schmerzbezogenheit. Anstatt mir also zu sagen, richte es Dir ein in der Ohnmacht an der du dir immer wieder die Erlösungbedürftigkeit aller und die Macht Gottes vergegenwärtigen kannst, schaute sie bloß kurz in die Ferne und ließ mir diese Worte da: "Es gibt zwischen jedem Menschen und Gott ein Geheimnis, das Du nicht kennst. Das niemand kennt ausser Gott und dem Menschen selbst. Und vor diesem Geheimnis können wir nur Achtung haben, so schmerzlich es auch in Erscheinung tritt."

 

Ich habe das nie vergessen. Ungeachtet dessen, dass wir Räume aktiven Mitfühlens, Mitleidens, Mithelfens, Linderns, Begleitens und Loslassens jeden Tag viele male neu ausloten müssen, dass wir uns immer aufs neue fragen müssen, wieviel unserer Mitleidenskraft eine gerechtere Welt uns wohl abverlangen könnte, ist dieser Rat meiner Lehrerin ein Grundzug poetischen Bewusstseins: die sanfte Zurücknahme einer Deutung, der Blick, der sich vergegenwärtigt, dass er ein begrenzter, ein unwissender Blick ist, der Schritt zurück, der den Dingen die sich entfalten wollen, Raum überlässt. Das Hinsehen, das sich selbst ermahnt, Diener des Staunens anstatt der Bemächtigung zu sein.

 

Das ist deswegen so kostbar, weil darin Leben und Werden atmen kann. Auch und gerade das fremde, über das zu verfügen mir nicht zusteht. Weil darin auch wir wieder atmen können, die wir vom Anblick des womöglich Nichtvermeidbaren überwältigt oder gelähmt sind. Weil darin ein zartes, vielleicht zu Beginn kaum merkliches Vertrauen ins Leben selbst sich aufrichten kann wie ein Keim aus schwerer dunkler Erde.

 

Heute lerne ich immer wieder Menschen kennen, die "durchlässig" sind oder eine ausgeprägte "Mitleidenskraft" haben. Und es kommt mir wenig feinsinnig vor - oft geradezu wie eine unangemessene und lächerliche Grobheit - dass ihre Not und ihre Gabe und alle Fragen rund um das Leiden des Anderen in Teilen der spirituellen Echokammer immer bloß entlang gedachter Schablonen von "Mitgefühl ja, Mitleiden nein", "Schmerz ja, Leiden nein" verhandelt werden, und sich darin so selten die Fragen öffnen können, die wir, wie Rilke sagt, lieb haben müssen, und in deren Antwort wir erst noch hineinreifen werden. Ich spüre darin viel Bedürfnis nach Kontrolle, nach Bemächtigung und Regulierbarkeit,  nach einer bleibenden Identität darin und einem Recht auf Unberührbarkeit, aber das "Geheimnis" entzieht sich, wieder und wieder, und davor dürfen wir, da bin ich sicher, die Achtung nicht verlieren.

 

Dankbar denke ich an beide Momente in meiner Jugend. Den Moment mit dem Priester, der mich vor eine verschlossene Tür stellte, und den Moment mit meiner Lehrerin, der mir eine Tür öffnete. Manche Worte, die uns im Laufe unseres Lebens von irgendwoher zufallen, sind wie Ankerpunkte der inneren Aufmerksamkeit. Nicht-Orte, an die wir immer wieder zurückkehren können, die wir in "wachsenden Ringen" immer wieder umkreisen, um werdendes Leben und unseren Platz und unsere Aufgaben darin tiefer zu begreifen.

 

Über 30 Jahre später ahne ich: Leiden birgt nicht nur ein Geheimnis zwischen Gott und der Kreatur, die leidet. Leiden birgt auch ein Geheimnis zwischen dem Gott, der ist, und dem Gott der noch wird.

 


Bild: Kobliha František

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Marlies Lüer (Donnerstag, 15 September 2022 13:32)

    DANKE!!! Für das Teilen dieser Geschichte, dieser Erkenntnisse und der Wegweiser, die darin liegen.