Auslese

Auslese · 17. August 2018
Wir haben die Hände zahllose male nach dem Rettenden ausgestreckt, das wir hinter überwältigender Größe und zwingender Macht erwarteten - nicht nur unsere Religionen, auch unsere Heldenfantasien sind voll davon. Wie oft aber sind wir dabei ins Kleinste gefallen, hinein in die Ohnmacht des Schwachen, hinein in die Zweck- und Nutzlosigkeit des Schönen, hinein noch in die Arglosigkeit und Unschuld, die nichts von unseren Kämpfen weiss. Und fühlten dabei: das Rettende ist längst da,...

Auslese · 07. August 2018
Dank ist ein leiser Vogel. Er wacht im Blick, der staunen kann. Er baut sein Nest unter den hängenden Gärten argloser Gegenwärtigkeit. Seine Flügel, die starken, breitet er auf den Zweigen des Wartenkönnens. Er kreist an Himmeln aus denen atmende Weite wie Regen in offene Sinne fällt. Über den goldenen Ähren, und unter erloschenen Sternen, zwischen zwei Händen die einander suchen wandert wie betend sein Lied.

Auslese · 14. Juli 2018
Nimm die Welt in Dein Herz. Lass sie für einen Atemzug in Deiner Leibesmitte kranken. Umspanne sie mit Deiner dünn gewordnen Haut als Zelt, in dem sie ihre Wunden salben kann. Alle Lasten ihrer ungesagten Worte bewahre tief im dunklen Schweigeraum. Vielleicht bist Du der Welt in ihrem schweren Wandern die lang ersehnte Ruhekammer. Vielleicht liegt morgen schon auf ihren selbstvergessnen Schritten der Segen Deiner Gegenwärtigkeit.

Auslese · 19. Juni 2018
Sprich Dein Dankgebet nicht wie einer der Münzen zählt, nicht wie einer der argwöhnisch träumt von Nächten ohne Kissen. Schenke Dein Dankgebet wie einen Kuss auf den Wundrand des Tages, mit einem himmelweiten Herzen das den Schmetterling des Morgens lockt.

Auslese · 15. Juni 2018
Alles ist Weg. Jeder Tag stellt seine eigenen Fragen, jede Begegnung fügt die Schritte vieler zusammen, jede Aufgabe schmiegt sich neu in Deine Hand. Richte es Dir nicht im Bestehenden ein, werde nicht schläfrig am Wieder-und-Wieder, kein Mensch ist derselbe, den Du gestern noch sahst, und die gestrigen Worte liegen heute schon schief in Deinem Mund. Alles ist Weg. Auch Dein Arbeiten, auch Dein Ruhen, und die Träume dazwischen, die flüstern: Jede Ankunft zieht Kreise, nach oben zum rufenden...

Auslese · 12. Juni 2018
Atme auf (Segensworte nach einem Suizid) Wie viele Untröstlichkeiten hast Du wohl gesammelt mit den Jahren, wie viele Bitten für unaussprechlich gehalten in unserer Mitte, wie viele Male das Sterben vertagt, mit einem Rest Hoffnung als Kissen in schlaflosem Träumen von Tagen, die wirtlicher sind. Ein Sterben wie Deines ist schwer zu ertragen, weil es sagt, dass mitten im Leben das Morgen Dir schon verloren schien. Wohin nun mit den Worten, die trösten und stärken, wohin mit den Gesten, die...