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Karfreitag

Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen.

Die erste und tiefste Wunde des Menschen: die Trennung.

Dem Dunkel des bergenden Mutterschoßes entrissen. Getrennt von der Schnur, die uns vereinte.
Getrennt vom Empfinden, Welt zu sein.
Getrennt vom Freund, der geht, vom Geliebten, der uns verlässt, getrennt vom Glauben, der unerschütterlich schien, und von der Freude, die kein Ende ahnen liess. Getrennt von uns selbst in tausend inneren Kämpfen.

Alles Werden ist ein Werden in die Einsamkeit.

'Ich' ist ein Reich der Freiheit. Und eines unvermeidlichen Alleinseins.

Wie oft treibt mich die Not, die Wunde der Trennung nicht wahr haben zu wollen?

Wie oft erwarte ich vom Anderen, mich zurück in den warmen Schoß der Einheit zu führen?

Wie oft ist mein Greifen nach Dingen, Situationen und Menschen mein Unwille, die Wunde der Trennung fühlen zu müssen?

Am Kreuz spricht die Stimme, die keine Auswege mehr sucht. Die das Getrenntsein nicht länger verharmlost, verleugnet oder vertröstet.

Erst am Grund der durchfühlten Wunde befreit sich ein Seufzen, das aufrichtig meinen kann: Es ist vollbracht.



Bild: Jyoti Sahi


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