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Tilmann Haberer: "Von der Anmut der Welt" - Eine Buchbesprechung

Lange habe ich mich auf diese Lektüre gefreut, nun hatte ich endlich Gelegenheit, das Buch zu lesen. Und erlaube mir nun eine etwas ausführlichere Betrachtung.

Tilmann Haberer legt am Beginn seines Buches seine Absichten offen: es gehe ihm darum, unzeitgemäße Gottesbilder einer Revision zu unterziehen, Perspektivwechsel zu wagen und sich aus dem warmen Bett (oder auch dem Foltergefängnis) traditioneller Glaubensgewissheiten zu lösen. Eine "post-postmoderne" Deutung des Christentums schwebt ihm vor, eine Deutung, die es uns erlaubt, das Zeitlose, Wahre und Schöne, vielleicht auch das Einzigartige des Christentums in unsere Zeit hinüberzuretten. Dabei stellt er unmissverständlich klar: wir reden nie über Gott, wir reden immer über Gottesbilder.


Er verweist auf sein Hauptwerk Gott 9.0 (mit Marion Küstenmacher) und die darin zugrunde gelegten Entwicklungsmodelle, vornehmlich Spiral Dynamics, ebenso wie seinen Hintergrund integraler Spiritualität, mit Hauptbezug auf Ken Wilber. Dabei lässt er rasch erahnen, dass ihm die Schattenseiten des integralen Modells und die "strukturellen Sünden" der integralen Szene sehr vertraut sind: die Stufenlogik der Spiral Dynamics beispielsweise verführe zu der Annahme, Entwicklung sei linear, eine höhere Stufe besser als eine niedrige, second tier besser als first tier und der evolutionäre Drall des ganzen könne durchaus so etwas wie eine Selbstoptimierungsobsession befördern. Mit all dem, das macht Haberer an vielen Stellen im Buch deutlich, möchte er nichts zu tun haben, wohl aber mit der Entfaltung der Bewusstseinsräume, mit der Sehnsucht nach der selbst im Schrecken aufscheinenden Leuchtkraft des Heiligen und mit einer tieferen Verwurzelung im Leben.

 

Er stellt die Bewusstseinsräume von beige bis türkis wunderbar verständlich vor, ebenso wie er dies schon in "Gott 9.0" vermochte. Wem Wilbers Texte oft zu kompliziert, zu langatmig oder zu weitschweifig sind, seien daher auch dieses erste und das vorliegende Werk Haberers ans Herz gelegt, weil sie eine komplexe Angelegenheit sehr einfach und nachvollziehbar skizzieren:

Die Grundbedürfnishaftigkeit auf beige, die magische Verwobenheit purpurs, das erwachende Ich auf rot, die Regeln und die Unterwerfung in den Verbund auf blau, das Erwachen der Vernunft auf orange, die grüne Harmonie und Gemeinschaft, das systemische und holistische gelb, und türkis, da gibt es seiner Auffassung nach noch nicht viel zu sagen. Haberer erklärt nicht nur die Qualitäten der einzelnen Stufen oder Räume, er skizziert auch ihre Schattenseiten, ihre Schwächen, und die Punkte an denen sie sich in den nächsten Bewusstseinsraum hinein transzendieren müssen. Hierzulande können wir von einem solide herausgebildeten grünen Meme sprechen (wenn auch erst seit 50 Jahren), vereinzelt gibt es gelbe Gemüter, die ihrer Zeit vielleicht voraus sind oder sich bisweilen einsam fühlen, die Kirchen bewegen sich weitgehend noch auf blau, und wenn Haberers Buch etwas anbietet - ausser einer tieferen Kenntnis integraler Denkungsart und einer frischen Lesart der christlichen Erzählung - dann eine "Geburtshilfe" in Richtung gelb.

 

Der gelbe Bewusstseinsraum, das ist der, der die Vorzüge des postmodernen Pluralismus ausgekostet und seine Schattenseiten begriffen und erlitten hat. Gelb ist systemisch, holistisch, differenziert. Gelb sieht die Qualitäten aller Memes, und hält sie doch nicht für gleich sinnvoll in jedem Kontext. Gelb erkennt, dass es grünes Teamplay in Unternehmen brauchen kann, doch blauen Eifer für verbindliche Gesetze. Es kann die Vorzüge und Errungenschaften der Memes orchestrieren, bewusst einsetzen, und Widersprüche aushalten. Gelb ist wie ein kaleidoskopisches Bewusstsein, oder sagen wir es mit Gebser "aperspektivisches Bewusstsein", es begreift die Welt umfassender als es zuvor je der Fall war. Aus diesem Grund heißt es auch das "integrale Bewusstsein".

 

Die Schattenseite des grünen Memes, Pluralismus mit Beliebigkeit und verlorengegangener Objektivität zu verwechseln, Fakten und Meinungen zu vermischen, sich für spirituell statt religiös und für innerlich statt äusserlich zu halten hat gelb hinter sich gelassen. Gelb "schaut" die wechselseitige Beziehung aller Dinge, ihre Bedingtheit, Bezogenheit und fragile Balance und vergisst dabei nie die Partikularität jeder Erkenntnis.

 

Zwischen gelb und türkis beginnt der Mensch zu ahnen, dass er womöglich ein "holografisches Fraktal Gottes" ist. Biblisch heisst das "Ebenbild Gottes", aber die Eigenschaften eines Hologramms und eines Fraktals sollten wir uns unbedingt auf dem inneren Auge zergehen lassen, um nachzuempfinden, wie bahnbrechend dieses Bild ist, deswegen geizt Haberer auch nicht damit, es zu wiederholen, ebenso wie das "Kippbild", das uns immer 2 Wirklichkeiten anbietet, die zu sehen uns einen Entschluss abverlangt, und die beide wahr sind, selbst wenn wir nur eine sehen.


Haberer appelliert an Lesende, ihren Wahrheitsbegriff zu prüfen. Was ist für uns wahr und warum? Klassischerweise argumentierte Kirche damit, dass der biblische Text wahr sei, weil in der Bibel stünde dass sie Gottes Offenbarung ist. Mit solchen Zirkelschlüssen können sich viele im Jahr 2021 nicht mehr zufrieden geben, ebenso wenig aber mit der "orangen" Erkenntnis, dass alles, was der Vernunft nicht standhalten kann, obsolet sein muss. Wenn Bibel oder andere Offenbarungsschriften heute noch Relevanz oder "Wahrheit" haben sollen, worauf muss diese sich gründen? Haberers Wahrheitssuche greift auf die vier Quadranten und Level Wilbers (AQAL) zurück: es braucht eine Innen- und Außenperspektive, eine individuelle und kollektive Perspektive, es braucht subjektive Erfahrung und Intersubjektivität, und Wahrheit ist ganz sicher nicht relativ, wohl aber relational.


Auf der Suche nach Wahrheit knöpft sich der Autor nun christliche Glaubenswahrheiten vor und unterzieht diese einer Revision. Die traditionelle theologische Trennung von Schöpfer und Schöpfung scheint ihm unzeitgemäß, dualistisch und im schlechtesten Sinne folgenreich, Allgegenwart müsse auch bedeuten, dass Gott in und als Schöpfung gegenwärtig sei und dass Gott mehr sei als alles Seiende (Panentheismus), vornehmlich durch die Gegenwart unzähliger und noch nicht verwirklichter Möglichkeiten.

 

Gott als strömender Quell unzähliger Möglichkeiten - das finden wir auch in der Prozesstheologie, die im vorliegenden Buch leider unerwähnt bleibt (als positives Beispiel zeitgemäßer Theologie). Wir folgen dem Gedanken, dass Gott seit 13,82 Milliarden Jahren inkarniert, was auch ein roter Faden dieses Buches und eine wunderbare Anregung zum Beten, Meditieren, Weiterforschen und -fragen ist: was ist, wenn das Mysterium der Inkarnation ein fortwährendes Ereignis ist, eines, das jeden Neugeborenen, jeden Stern und jeden Grashalm umfasst?

 

Haberer "übersetzt" die Trinität in integrale Wahrnehmung, als 3 Arten, Gott zu erfahren: als Einheit, die allem Sein zugrunde liegt (Vater), als das fortwährende Werden das der Evolution unterworfen ist (Christus), und die verbindende Kraft (Heiliger Geist). Er führt dies nicht sehr aus, was ich persönlich bedauere, aber integral Informierte finden hier die 3 Gesichter Gottes von Wilber wieder: Gott als Ich, als Du und als Welt, oder auch die von Paul Smith in "Integral Christianity" formulierte Dreigesichtigkeit Gottes als "Infinite face of god" (Es), "Intimate face of god" (Du) und "Inner face of god" (Ich). Es wird bei diesen drei Autoren bereits deutlich, dass die Dreifaltigkeit ein vielschichtiges Symbol, ein zeitloses poetisches Bild und eine Quelle kraftvoller Andachtspraxis sein kann, und ich möchte empfehlen, sich damit auseinanderzusetzen. Überdies möchte ich an dieser Stelle auch auf das wunderbare Buch "The Holy Trinity and the Law of Three: Discovering the Radical Truth at the Heart of Christianity" von Cynthia Bourgeault hinweisen, die jedes Objekt ihrer Betrachtung auf mitreißende und erhellende Art durchdringt, und die auch im Feld Thomas Keating, Richard Rohr und Mehr-Gebser-als-Wilber zu verorten ist. (Da die christliche Auseinandersetzung mit dem integralen Modell ausserdem nach wie vor dünn ist, muss ich unbedingt auf Marion Küstenmachers famoses Buch "Integrales Christentum: Einübung in eine neue spirituelle Intelligenz" hinweisen.)

 

Im gelben Bewusstseinsraum kann man die Dreifaltigkeit "neu" lesen, ebenso wie jedes Mysterium des Christentums und die gesamte heilsgeschichtliche Erzählung. Eine umfassende Neuformulierung des Christentums kann Haberer nun nicht in 300 Seiten pressen, jedoch ist sein Anspruch groß, wenigstens über die zentralen Fragen zu sprechen: die Theodizee, Erlösung, Sünde, Tod und Auferstehung.

 

Einen neuen Schöpfungsmythos möchte Haberer erzählen. Einen, der sagt, dass Gott unsterblich, allmächtig und ewig ist, UND sterblich, ohnmächtig und vergänglich. Dass Sünde kein moralisches Versagen ist sondern nichts anderes als die Wahrheit der Zweiheit: aus einem Ganzen sind zwei geworden (schön auch: die Auslegung des Sündenfalls und die Rehabilitation der Schlange) und das Leiden daran ist das Leiden das Gott wie der Mensch tragen muss. Dass Gott nicht nur "Verursacher" von Schmerz und Tod ist, sondern auch der Erleidende. Dass Jesus Christus nicht exklusiv, sondern exemplarisch ist, der "Prototyp" der gesamten Schöpfung. "Ganz Gott und ganz Mensch", das ist für Haberer kein Problem, sondern tiefe Wahrheit, jedoch eine, die für jeden Menschen gilt.


Haberer interessiert sich weniger für den historischen Jesus (auch, wenn er durchaus historische Überlegungen einbindet) als für den kosmischen Christus. Damit begibt er sich gern in die Gesellschaft von Paulus, dem seiner Auffassung nach zu Unrecht unterstellt wurde, das Christentum verfälscht zu haben (wenn man mal von seiner Frauenfeindlichkeit absieht). Nimmt man die Paulustexte, die Ich-bin-Worte Jesu und das Thomasevangelium, hat man, so der Autor, einen tiefen Einblick in die Natur des "kosmischen Christus". Und den müssen wir kennenlernen, wollen wir uns nicht in den Grenzen und Möglichkeiten historisch-kritischer Exegese oder verschiedenster Vereinnahmungsstrategien (Jesus als Wunderheiler, Sozialist, erleuchteter Meister, Revolutionär, Hippie etc) verlieren.


Der gelbe Bewusstseinsraum begreift die fortwährende Wahrheit von Bibeltexten und im kollektiven Bewusstsein geronnenen Bildern: gelb sieht die Tiefendimension des Mythos, denn: "ein Mythos erzählt nicht, was war, sondern was immer ist" (Sallust). Ein Mythos ist daher immer mehr als ein historisches Ereignis sein kann, und will uns auch heute mit hineinnehmen in ein fortwährendes Geschehen, in eine gültige Wahrheit. Haberer plädiert daher auch nicht dafür Bibeltexte zu entmythologisieren, sondern den Mythos in seiner Tiefe zu begreifen, anstatt ihn als Konkurrenz für geschichtliche Fakten zu betrachten.


Auf seiner Reise durch die christlichen Geheimnisse zieht der Autor andere Disziplinen heran, wie es sich für integral Denkende gehört: die Naturwissenschaften, die Popkultur, Geschichte, Politik, Psychologie, wenn auch immer mit Leichtigkeit und im Plauderton. Die zu Unrecht in der Esoterikszene verwurstete Quantenphysik greift Haberer auf angemessen seriöse Weise auf, die Lehre von den Teilselbsten von Hal und Sidra Stone und Veeta und Artho Wittemann hat in der Frage was das (erlösungsbedürftige?) Individuum überhaupt sei, oder ob es nicht sei (Werner Siefer und Christian Weber) ihren Platz. Ob mystische Erfahrung so etwas sei wie die von Metzinger angedachte Schläfenlappenepilepsie darf als Frage ebenso im Raum stehen wie der sehr zeitgemäße Blick auf die Welt der Pilze (Myzel/Fruchtkörper) die als Referenzpunkt in spirituellen (und ökologischen wie kulturellen) Überlegungen Raum gewinnt.


Am Ende formuliert Haberer Passagen, die wirken wie ein Bekenntnis und gleichermaßen eine Hoffnung: auf einen Gott, der sich selbst in die Gestalt einer Welt hineinträumt und darin erwacht, alles beseelt und durchgeistigt und nicht etwa "im Menschen", sondern die "Innenseite aller Menschen" ist (und ich musste an die Kleinsche Flasche denken). Auf einen Gott, der Vertrauen und Liebe im Menschen weckt, ein Meer an Möglichkeiten schenkt und ein kostbares, einzigartiges Leben, das wir mit "spielerischem Ernst" , Respekt und ultimativer Freiheit auskosten und gestalten dürfen.


Haberer verwehrt sich gegen den Elitismus integraler Ideen: Der Mensch müsse nicht erleuchtet werden. Transformation und Translation (Wilber) seien ebenbürtig, das bedeutet, wer Erleuchtung und Theosis auf einem radikalen Weg suche, möge seinem Wunsch folgen ebenso wie jene, die in spirituellen Communities und mitten im Alltag vor allem Vergewisserung, Trost und Gemeinschaft suchen. Denn: das Christentum sei weder eine Erleuchtungsreligion noch eine Erlösungsreligion; Jesus Christus vergegenwärtige uns allenfalls, dass wir bereits erlöst seien.


Ganz sicher wird das ein oder andere, das Haberer bekenntnishaft äußert, Fragen, Widerspruch oder Irritation auslösen. Das sollte aber jedes gute Buch ohnehin tun, weswegen ich an dieser Stelle gern auch meine Irritationen formuliere:

 

Auch wenn der Autor davor warnt, die Entwicklungsräume als "Stufen" oder lineare Entwicklung zu verstehen, damit Überlegenheitsgefühle der höheren Stufen gar nicht erst aufkommen, ist es ein grundsätzliches Problem des Modells, dazu zu verleiten. Das liegt zum einen an der Verbindung von innerpsychischer Entwicklung vom Kleinkind bis zum Erwachsenen mit der kollektiven Entwicklung (Wenn das magische Bewusstsein beispielsweise mit dem Kleinkindbewusstsein gleichgesetzt wird, ist schwer auszumachen, was daran erwachsen, wünschenswert oder zukunftsweisend sein könnte, sowohl für den Einzelnen als auch für das Kollektiv).

Zum anderen liegt es an der Genese des Modells. Nicht wenige unserer "Erkenntnisse" über magisches Bewusstsein - um mal beim Beispiel zu bleiben - "verdanken" sich vorwiegend einer weissen, kolonialen Perspektive auf indigene, animistische Kulturen. Dabei spielt auch unsere Verhaftung im Monotheismus eine nicht unerhebliche Rolle, und natürlich westliche Psychologie. Die beanspruchte Überlegenheit der Ratio und Individualität im Vergleich zu Schwarmintelligenz, Traumbewusstsein und Gemeinschaft ist aus heutiger Sicht mehr als fragwürdig. Aus gutem Grund hört man inzwischen in vielen Disziplinen den Ruf, den man auch in der akademischen Psychologie vernimmt: "Decolonize psychology!"

Es ist auch kein Geheimnis, dass Wilber das magische Bewusstsein oft wie eine retroromantische Regression behandelt, in der es um kaum mehr geht als um kindliche Bedürfnisstruktur und Wunscherfüllung. Das mieft ein bisschen nach Freud, und ein wenig nach Unkenntnis. Obwohl Wilber gern die magischen Errungenschaften östlicher Praxis heranzieht, hat er über abendländische magische Tradition nichts oder nur wenig schmeichelhaftes zu sagen. Eine bedauerliche Leerstelle, die überall da auftaucht, wo Wilbers Entwurf genutzt wird. Da wünschte ich mir von allen integralen Autor*innen, sie übernähmen das nicht fraglos und wagten mehr Widerspruch.


Klassischerweise erklären Wilberianer, dass das Gelingen der Entwicklung oder Entfaltung an der Vermeidung einer Prä-Trans-Verwechslung hängt - man solle halt nicht regredieren, sondern transzendieren, nicht prärational, sondern transrational, nicht präpersonal sondern transpersonal sein, und so weiter. Bei Wilber hat jedes Meme seine Vorzüge und Pathologien, bei Gebser hat es jeweils eine effiziente und defiziente Seite. Idealerweise soll ein Meme transzendiert und integriert sein, was bedeutet, dass man seinen Pathologien nicht ausgeliefert ist, sondern die Vorzüge des Memes voll entfaltet.

Gelb ist der Bewusstseinsraum, in dem es auf neue Art sinnvoll und wünschenswert wird, die Strukturen oder Räume auszuformen und im jeweils sinnvollen Kontext und in der jeweils sinnvollen Relation auszuagieren. Haberer deutet selbst an, dass türkis möglicherweise eine Renaissance von purpur mit sich bringe, eine neue Herausbildung magischer Qualitäten wie Hellsichtigkeit, Telepathie etc.
Dazu wäre es aber meines Erachtens nötig, sich von jedweder Geringschätzung, von jedwedem linearen Denken frei zu machen, sich von Vorurteilen über magisches Bewusstsein zu trennen, die Korrelation mit Altersstufen in der Entwicklung des Individuums zu vernachlässigen und gelb qua Praxis nicht nur zu einem kognitiven Experiment sondern zu einem festlichen Embodiement zu machen. Die Abwertung des magischen Bewusstseins (um mal beim Beispiel zu bleiben) ist in der integralen Szene nur wenig unüblicher als im Kontext von Kirche.
Was könnte es bedeuten, die gesunden Strukturen magischen Bewusstseins willentlich und in der Verkörperung integralen Bewusstseins auszuformen? Im Jahr 2021 und als restlos aufgeklärter Mensch?


Haberer spricht an verschiedenen Stellen von der Beseeltheit und Gottdurchdrungenheit der Welt, von Christus der als Welt inkarniert und sich den Gesetzen der Evolution beugt. Ungeachtet dieses Panpsychismus' zieht er mehr als einmal Tiere als Beispiele für "Nichtbewusstheit" heran, oder als Wesen, die keine Kreativität aufbringen, sondern lediglich einem genetischen/biologischen Zwang gehorchen. Ich habe diese Passagen als unangenehm empfunden, denn selbst wenn "bewusste" Tiere wie Primaten und Krähen keine "metacognition" haben, so würde ich erstens den Begriff Bewusstsein gern von der Last des Anthropozentrismus befreit sehen, und zweitens dürfte jede im weitesten Sinne magische/schamanische/animistische Praxis dem Anwendenden ein anderes Bild vermitteln. Es wäre doch schön, läse der Autor die Sinnbilder der Natur genau wie er die Bibel liest: gelb. Auch ein Baum und ein Hirsch sind, ebenso wie sie Materie sind, Symbole, holografische Fraktale, lebende Mythen und atmender Geist. Auch sie sind Schmerz und Schönheit einer Form gewordenen Gottheit.

 

In die für mich streitbaren Passagen reiht sich auch die behauptete Korrelation von einem Gott, den wir anthropomorph denken, und der Ebenbildlichkeit des Menschen: hier führt der Autor aus, dass der Mensch Gott ja womöglich nicht nur deswegen menschlich denke, weil er egozentrisch sei und projiziere, sondern weil qua Ebenbildlichkeit der Geist Gottes und der Geist des Menschen eben wesensverwandt wären. Oder sogar wesensgleich im Sinne eines holografischen Fraktals. Möglicherweise würde mich diese Behauptung weniger irritieren, wenn ich nicht den Eindruck hätte, dass es im Jahr 2021 dringlichste Aufgabe des spirituell praktizierenden Menschen ist, sich mit menschenförmig gedachten Gottheiten radikal zurückzuhalten, und der lebendigen (fremden) Natur ebenso wie dem atmenden Mythos wieder Raum zu überlassen.

 

An Haberers Annahmen über "Geist" knüpfen sich dann einige Aussagen, die ich als sonderbar transzendentistisch empfand, wie beispielsweise diese: "Die allerletzte, allertiefste Bedeutung kommt diesem Leben nicht zu."
Nein? Ist die Zeit der großen theistischen Religionen, die uns aufs Jenseits vertrösteten und das irdische Leben kleinredeten, abwerteten, fürchteten oder flohen, nicht endgültig abgelaufen? Sollte nicht jedes spirituelle Streben in unserer Zeit uns tiefer in den Staub dieser Welt stoßen, uns tiefer in der Welt verwurzeln, die wir aus so vielen Gründen glaubten überwinden zu müssen? Die zeitgenössische Ecopoetin und Mystikerin Sophie Strand schrieb: "I don't want ensoulment. I want ensoilment." Ich möchte ihr zustimmen. Ja, bitte. Nicht noch mehr Seele. Mehr Erde.

 

Einige andere Dinge, die mir auffielen:


Wunderbar:
Haberer nennt Gott mal sie, mal er, und das tut gut. Er hat Humor, und ich freue mich daran. Er gebietet jeder Unbarmherzigkeit Einhalt, die sich spirituell begründen will, sei es Leistungsdenken, Urteile, Ausgrenzung oder Überheblichkeit. Er interessiert sich für Menschen, und das ist spürbar. Auch seine "spirituellen Vignetten" erzählen von seiner Fähigkeit, spirituelle Vielfalt zu umarmen. Er pfeift auf spirituelle Erfolge, wenn im Menschen nicht die Liebe reift. Und er plädiert wie Wilber für eine Entfaltung von Körper, Intellekt und Spiritualität, doch nicht im Sinne einer Verbesserung, sondern im Sinne einer Befreiung.


Einige kritische Punkte:
Der kurze Abriss über Buddhismus und Christentum - Buddhismus will Leiden überwinden, Christentum will es integrieren. Ob man das so verkürzt stehen lassen kann? Und würdigt das auch nur annähernd die Vielfalt des Buddhismus?
Die Behauptung, dass wir nach dem Tod zurück in die Ganzheit fallen und alles gut ist. Says who?
Dass das Christentum keine Erleuchtungsreligion ist, kann man das so stehen lassen? Ich würde annehmen, die meisten orthodoxen Christen sehen das anders. Auch eine Mystikerin wie Cynthia Bourgeault, die sich in der integralen Welt verortet, und die mit großer Leidenschaft darauf drängt, ENDLICH den Erleuchtungsweg des Christentums zu gehen, anstatt weiter blau und selbstherrlich daran vorbeizulatschen, würde das so wohl nicht unterschreiben.

Und ein letztes: Haberer spricht immer wieder von Dunkelheit und Dingen, die sich verdunkeln. Und jedesmal bezeichnet dies etwas schlechtes. Was die triumphale Lichtsprache des Christentums angerichtet hat, ist bis heute oft ausgesprochen worden. Was der Ablehnung der Dunkelheit alles zugrunde liegt, etwa die Ablehnung des Ungewissen, des Geheimnisses, des Nichtkognitiven, des Nichtmachbaren, des Unbewussten, der Intuition und des Weiblichen, macht deutlich, wie wichtig es ist, dass wir uns von dieser Sprach- und Denkgewohnheit trennen: Dunkelheit ist die Hälfte aller Wirklichkeit.

 

Wie kam es nun zu dem Titel von der Anmut der Welt? Mir wurde schnell klar, dass im englischsprachigen Kontext dieser Titel eine andere Wirkung hätte: "grace" ist dort ein Begriff, mit dem jeder Religiöse etwas anzufangen weiss. Im deutschen fehlt uns ein tiefer Bezug zum Wort, wiewohl wir gern etwas anmutig nennen, das natürlich und unverfälscht ist. Haberer nimmt außerdem auf einen Text Bezug, den wohl alle Geisteswissenschaftler*innen im Studium lesen: "Über das Marionettentheater" von Heinrich von Kleist. Der Text handelt von der vollkommenen Anmut der Bewegung, die vorbewusst ist, und sogleich verschwindet, sobald sie ins Bewusstsein dringt, es sei denn, die Bewusstheit wird so vollkommen wie die Gottes. Ein wenig erinnert dieser Essay ja an die Schöpfungsgeschichte: der Mensch lebt vorbewusst und glücklich im Paradies, fällt in die Bewusstheit und aus dem Paradies heraus, und strampelt womöglich im Leben lange herum, um wieder das Glück der Vorbewusstheit zu erlangen, bis es ihm dämmert, dass er nicht zurück, wohl aber vorwärts gehen kann, immer wieder Grenzen transzendierend, hinein ins .... große Ganze?

 

Ob das nun eine integrale Theologie ist, mögen Theolog*innen beurteilen. Ich für meinen Teil habe die Lesestunden genossen. Für mich, die ich mit integraler Weltwahrnehmung vertraut bin, war es keine Gehirnaerobic, sondern wie ein Spaziergang mit einem Freund. Für jene, denen die integrale Sicht neu ist, ist es sicher eine niedrigschwellige Einladung, sie kennenzulernen. Ganz sicher ist dies ein wertvolles Buch, mit dessen Impulsen man sich auf den weiteren Weg machen, mit dessen Bekenntnissen man streiten, und dessen Fragen man zu jedem Suchenden, zu jedem Grashalm, in jede Kapelle und in die Anmut jeder Nacht tragen kann.

 

 

 

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Christoph Fleischer (Mittwoch, 06 Oktober 2021 21:56)

    Danke für die sehr ausführliche und damit in Haberers Redundanz fallende Rezension. Ich würde einfach mal versuchen, daraus eine Kurzrezension zu machen. Die den Ansatz gleichwohl aufnimmt. Gerade in dieser Rezension wird mir deutlich, dass die sogenannten integralen Gedanken schon bei Paul Tillich zu finden sind.