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Gründonnerstag

Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir.
Eine Geste der Demut, eine mütterliche Geste, eine Geste der Hingabe, sicherlich. Und doch noch mehr, eine Handlung, die wie ein mächtiges Symbol, wie ein fortwirkendes Zeichen den Raum einnimmt und das Geschehen überformt, das All-tägliche entgrenzt und in die Weite des Alls fliessen lässt.

Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir.
Spricht der Christus, und nimmt deine Füße in die Hände. Deine Füße, diese starken Wunder der Körpers, die dich an jeden Ort tragen, den du mit deinen Gedanken ansteuerst, die dich in die Höhe aufrichten und in die Tiefe hinabfedern können. Diese Wunder des Körpers, die dein direkter Kontakt sind zur Erde, zur Welt unter dir, die atmet und strömt und lebt und pulsiert, und die dem Morgen einen Boden bereitet. Deine Füße, die lauschen und schauen können auf ihre Weise, wenn ihre Haut sich eng an die Haut der Erde schmiegt, und an alles Wissen, das darin ruht, an alle Weisheit, die darin webt.

Deine Füße, die deinen wunden Punkt tragen, die Sehne, die reißen kann und mit ihr das Gefüge deines ganzen Lebens und Werdens.
Deine Füße, in die sich die Energiebahnen deines ganzen Körpers und seiner Organe verzweigen. Die Substanzen durch ihre dünne Haut aufnehmen und bei Nacht die Gifte deines Körpers entlassen.
Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir.

Purificatio, die Reinigung, ohne die du nicht erleuchtet werden kannst, ohne die du nicht die Einheit erfahren kannst, der Christus nimmt sie fortwährend an dir vor, gestern, heute und morgen, mit endloser Beharrlichkeit löst er dich aus der Macht des Habenwollens, aus dem zähen Staub der Machtgier, der Kontrollsucht, aus dem aufgewirbelten Staub der Sattheit, des Längstgewussten, der Herzensenge, der Zweckdienlichkeit und des Größenwahns der ständigen Verfügbarkeit. Und immer wieder legst du deine Füsse in seine Hände, immer wieder nacktes Anvertrauen, reines Ausgeliefertsein.

Und wohin du auch gegangen bist, wieviele Orte du eingenommen, durchwandert und abgelaufen hast, wieviele Erfolge errungen, wieviele Dinge du gesammelt hast im Gedächtnis deiner ruhelos gehenden Füße, alles wird dir von den Sohlen gewaschen, alles was du hattest, worauf du stolz warst, was du begehrtest, was du fürchtetest und worin du dich verstricktest. Alles was du wusstest, sein wolltest, jeder Boden auf dem du stehst. Und mit ihm der Tod, das Stehenbleiben.

Alles wird ausnahmslos fortgewaschen und fortgeschwemmt, und du findest dich wieder mit den Füßen eines Säuglings, dem nichts gegeben ist als die Last und die Würde, ein Vorübergehender, eine Vorübergehende zu sein.

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