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Notizen zu Corona IV: Trauer

In Deutschland sind bis heute 21.064 Menschen an Covid verstorben. Hinter jedem dieser Todesfälle steht eine persönliche Geschichte, von der wir nicht wissen. Hinter jedem Toten Trauernde. Menschen, die jemanden unwiederbringlich verloren haben, Menschen die vielleicht bis zum letzten Atemzug ihres Liebsten warteten, hofften, bangten oder völlig im Ungewissen blieben. Menschen, die sich nicht verabschieden konnten. Kinder von ihren Eltern, Eltern von ihren Kindern, Männer und Frauen von ihren Partnern und Partnerinnen. Menschen, die sich nun vorstellen, in wieviel Angst, Einsamkeit oder Verzweiflung ihre Liebsten die letzten Lebenstage verbracht haben. Viele Hinterbliebene werden sich Vorwürfe machen oder sich fragen, was sie anders hätten machen können. Viele werden sich nicht verzeihen können, jemanden angesteckt zu haben, der dann sein Leben lassen musste.

Ich bin sehr traurig und fassungslos, dass so viele Menschen aus dem Leben gerissen wurden. Und in die Traurigkeit, Fassungslosigkeit und Sprachlosigkeit mischt sich Wut, weil so viele dieser Tode vermeidbar gewesen wären. Sie sind politisch verantwortet, ebenso wie sie von einer von Hyperindividualismus entstellten Gesellschaft verantwortet sind, die ihren Gemeinsinn nicht finden und das Wir nicht über das Ich stellen kann. Sie sind verantwortet von einer Gesellschaft, die die Tür weit geöffnet und Populismus und rechtsextremes Gedankengut grosszügig hereingelassen hat. Sie sind verantwortet von einem kapitalistischen Programm, in dem das Privatleben der Bürger*innen misstrauisch beäugt, ihre billige Arbeitskraft aber unerbittlich eingefordert wird – auch wenn sie dafür im überfüllten ÖPNV sitzen oder in Schlachtbetrieben, Fabriken, Schulen oder Großraumbüros alle Hygieneempfehlungen über Bord gehen lassen müssen - anders als jene, die die Sorge um den täglichen Broterwerb gar nicht kennen oder die sogar an dieser Pandemie noch absurd reicher werden als sie es ohnehin schon sind. Sie sind verantwortet von einer Gesellschaft, die eine stille Verachtung für die Alten hegt, ebenso für alle, die durch Krankheit fragil und auf die Rücksicht anderer angewiesen sind.

Aus dem asiatischen Raum treffen uns seit geraumer Zeit viele verständnislose Blicke. Wie konnte Deutschland, wie konnte Europa es so weit kommen lassen, während beispielsweise Taiwan sieben Tote zu beklagen hat? Wieso leben wir scheinbar ungerührt weiter, während Tausende sterben, wieso beklagen sich Menschen über kleine Opfer wie das Tragen einer Alltagsmaske, wieso wartet man bis zur völligen Überlastung des Systems und beklagt dann die unmöglich gewordene Infektionsnachverfolgung? Wieso sind die europäischen Länder so wenig bereit, vom asiatischen Wissen im Umgang mit Pandemien zu lernen?
Wieso übernehmen wir keine Verantwortung für die eskalierende Armut und das Chaos, die unsere halbherzigen Lockdowns in der ganzen Welt verursachen? Wieso ist das Internet voller hämischer, spöttischer, bösartiger, verharmlosender und menschenverachtender Kommentare, die das vor unseren Augen geschehende Drama leugnen oder verharmlosen und Menschen ihr tiefes Leid und ihre traumatischen Verlusterfahrungen absprechen?

21.064 Tote sind es in Deutschland Stand heute. 1.587.991 weltweit.
Ich trauere um diese Toten, und ich bin tief traurig mit allen, die geliebte Menschen verloren haben.

„Komm her ins Kerzenlicht. Ich bin nicht bang,
die Toten anzuschauen. Wenn sie kommen,
so haben sie ein Recht, in unserm Blick
sich aufzuhalten, wie die andern Dinge.
Komm her; wir wollen eine Weile still sein.“

(Rainer Maria Rilke)


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