„Ich fühle mich immer freier. Aber ich fühle mich nicht leichter“, sagte eine Frau kürzlich im Gespräch über ihren inneren Weg. Darüber war ich nicht verwundert. Es ist mir vertraut, das spürbare Gewicht der Freiheit.
Es ist erstaunlich, wie viele poetische Bilder für Freiheit wir haben, die von Leichtigkeit zeugen. Der entfesselte Mensch tanzt, der freie Atem strömt mühelos, der Adler breitet die Flügel und steigt in den Himmel auf, der Wind weht wann und wo er will und Wege, frei von jedwedem Hindernis, tun sich vor uns auf wie eine große Verheißung.
Doch wie schwer wiegt Freiheit?
Ja, Freiheit schmeckt nach der Erleichterung des Nichtlängermüssens. Nach Lassendürfen. Nach Fortgehenkönnen. Freiheit schmeckt danach, nicht gefallen zu müssen, sich nicht verzwecken zu lassen, auch nicht von sich selbst. Nicht verbogen oder gebeugt, geduckt oder geängstigt leben zu müssen. Sprechen zu können ohne die vielen Beschwichtigungen, die Unaufrichtigkeiten, all die krankenden Worte, ausgehöhlt von Furcht. Freiheit schmeckt nach aus der Enge entlassen sein. Unbekümmert. Aufgerichtet bis zu den Sternen.
Und hier kommt das und, nicht das aber: Und Freiheit hat ein Gewicht, das zu tragen Schwere bedeutet. Eine Schwere im doppelten Wortsinn: als tiefer Ernst und manches mal als Last.
Freiheit ist neben der beglückenden Erleichterung des Soseindürfens eine grandiose Zu-Mutung (und den Mut den sie einfordert, müssen wir erwerben, wieder und wieder), wenn nach all dem seligen Lassen die Frage uns anfasst und nie mehr verlässt: Was willst du.
Was willst du.
Und hast du dein Wollen je besucht? Es bereist, es erkundet und befragt, bist du je in seine Untiefen hinabgestiegen oder -gestürzt? Hast du die vielen Häute abgetastet, die es trägt, ablegt und verliert, die es manchmal hergibt und sich manchmal nur schwerlich entreißen lässt, wie ein wildes Tier mit dem Du kämpfst und das dich verwundet, und auf dessen wachsende Müdigkeit Du warten musst, damit Du nur einen Augenblick gewinnst, einen stilledurchtränkten Augenblick kampflosen Atemholens, für dieses Erahnen:
Mein Wollen beginnt erst dort, wo es mich nicht länger trennt, von mir selbst und von den Dingen, vom Anderen und den Strömen des Lebendigen. Es beginnt erst jenseits meines Getriebenseins, meiner lauten Unersättlichkeit, meiner verstohlenen Bedürftigkeit, jenseits der Ohnmacht, die sich stets bewahren will. Mein Wollen beginnt, wenn meine Hände nicht länger zwingen, greifen und umschließen, wenn mein Körper nicht länger benommen ist vom Haben und mein Verstand nicht länger überdrüssig all des Gewussten.
Mein Wollen beginnt, wenn es nicht länger nur meines ist. Wenn es so durchlässig geworden ist wie ein abgetragener Stoff. Wenn es durchgrünt ist von vertrauter Vielheit und von der Fremdheit des Anderen. Wenn das Raunen eines ewig geburtlichen Werdens darin hörbar wird.
Und wenn ich es geschehen lasse, beginnt es, sich in mir auszustrecken, in meinen Gliedern, meinen Gedanken, Worten und Taten, in meinem Sehnen und der Stille, die in mir atmet. Und meine Blicke wandern mit den traurigen Schlaflosen bis an die salzigen Ränder der Nacht. Und meine Ohren liegen an jeder Wand, hinter der Menschen einander sagen: du bist nicht der, den ich liebte. Über den krankenden Meeren und den sterbenden Wäldern mein Lauschen, das bezeugen muss. Alles rückt näher und näher. Auf den Gräbern ohne Namen liegen auch meine dunkelnden Fragen. Und auf den Gewehren, den längst nicht mehr fernen, auch meine Hände, als Trotzkraft, Tod und Vergeltung. Hier kauert ein Mensch, der nie erfahren wird, dass er sich selbst gehört. Dort verstummt eine Frau unter der Gewalt eines Mannes. Und immer wieder ein neuer menschengemachter Schrecken, eine Kindheit, die viel zu früh endet.
Das Gewicht meiner Freiheit. Dass sie mich weitet und meine Glieder an die Glieder der anderen bindet. Dass sie den Schmerz, auch den fernsten, an meine Schwellen legt. Die vielen Hoffnungen, die starke Hände brauchen. Dass sie meine Stimme, die sich nicht verbergen muss und nicht zittern, einer Verstummten verspricht. Dass sie mir nicht erlaubt, umzukehren, zurück in eine Zeit als ich glaubte, frei zu sein bedeute, ganz bei mir zu sein, stets genug oder fern von Irrtum und Schuld.
Freiheit verschwendet was sie erfasst. Sie schüttet mich aus und schenkt mir das eigenartige Glück, in jede Fremde heimzukehren noch während ich
verlorengehe. An der Wirklichkeit zu weben, die wir morgen bewohnen werden. Wer frei ist, darf nicht länger traumlos sein. Sich nicht länger in die Höhlung des Immergleichen schmiegen, nicht
länger der Zeit zusehen, die ihre Kinder frisst. Nicht länger warten.
Das Gewicht meiner Freiheit. Ihr dunkler Ernst und die Last ihrer Unumkehrbarkeit.
Dass sie mich weckte und fragte: was willst du, und darin längst fragte: wer bist du.
Und wusste, ich müsste antworten: Ich bin das Kommende.
Bild: Cecilia Zhang
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Maria Dernbach -Henkel (Mittwoch, 31 Dezember 2025 16:56)
Was für eine Wucht an Worten, die umhüllen, die hart unterwegs sind, nachdenklich stimmen und was für eine Gnade, mit soviel Verständnis und Sprachvermögen ausgestattet zu sein, zu werden.
Silke Wehrsig (Donnerstag, 01 Januar 2026 11:06)
Was für ein reicher Wortsegen, der einlädt, zu denken, zu spüren und sich zu verbinden mit dem Leben in Freiheit. Es wird mir auf dringliche Weise bewusst, wie sehr Freiheit darauf angewiesen ist, über die Grenzen des Individuums hinaus geträumt, geliebt und errungen zu werden als ein Sehnen nach friedlichem Lebensraum für Mensch, Tier und Flora.
Danke für den so besonderen poetischen Spaziergang ins Jahr 2026!
Marie-Luise Trobitius. [email protected] (Freitag, 02 Januar 2026 12:38)
Ich bin völlig ergriffen von dem Text über das Gewicht der Freiheit. Nie habe ich etwas Tieferes in mich einlassen können über das , was es heißt, vom kleinen Ich in das große ICH zu fallen, sich nehmen zu lassen und ohne Entkommen mit dem GANZEN fühlend und werdend verbunden zu sein. Großen Dank für diesen Text .Bitte schicken Sie mir ab sofort den Newsletter und das Programm der Veranstaltungen mit Giannina Wedde
cornelia müller (Mittwoch, 04 Februar 2026 21:31)
Wunderbare traumhafte wichtige Worte und Sätze und eine Schönheit der Sprache, die mich ergreift...über die Verantwortung die Freiheit bedeutet. Nicht reden, TUN was für mich, für uns das NOTWENDWERK (Gusto Gräser) einfach IST.
[email protected] (Sonntag, 05 April 2026 18:17)
Liebe Giannina Wedde,
Vielen Dank für diese tiefen Gedanken zur Freiheit....
Ich bin seit dem 1. August letzten Jahres im Ruhestand und ahne diesen Prozess und spüre die Ungewissheit.... seit September macht meine Tochter eine Ausbildung für drei Jahre und ich habe Ihr zugesagt, ihre drei Kinder (2, 9, 12 Jahre alt)in dieser Zeit zu betreuen.... hab mir also noch einen guten Puffer geschaffen ;-)
....ich weiß aber, dass genau dieses Loslassen wichtig ist.... von was? Das Ausmaß weiß ich noch nicht.... ahne es aber...
Danke für das "Greifbare", "Sichtbare" in Deinem weisheitsvollen Blog.
Herzlichsten Grüße und frohe Ostern wünsche ich Dir.
Heike Hasselberg-Wilckens �