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Die Flamme

Entzünde die Flamme Deines Betens nicht nur am Licht der Tage, die Dich beschenkten. Jener Tage, die Dich auf die Schultern der Menschen hoben und auf die warmen Wogen anerkennender Worte, jener Tage, die Dich vor zwei gefüllte Teller setzten, zwischen denen Du wählen konntest, und die Deine Füße betteten auf sicheren Grund.

 

Entzünde die Flamme Deines Betens auch am Grau der Tage, die Dir Türen schlossen. Die Dir abverlangten, mit Dir und den heulenden Wölfen Deiner Fragen allein zu sein. Die unberührbar blieben von Deinem Gefühl, die Welt nicht zu bewohnen, nicht mal die innere, die Du Dir selbst bereitest.

 

Denn Dein Gott besucht Dich nicht nur wie der lang vermisste Freund, der Dir die Körbe mit Brot und die Räume mit Festen füllt, und Dein Glück beschwört ihn nicht hinein in die Risse, die durch Dein Herz verlaufen.

 

Dein Gott besucht Dich vielleicht in der Stille zwischen Jubel und Klage, als schweigender Grund der Dir abverlangt, Wort zu werden. Gerade der Tag, der sich Dir zumutet, der spröde und geduldig vor Deinen zögernden Händen liegt, erwartet Dich - den Menschen, den Du noch nicht kennst.


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Kommentare: 1
  • #1

    ONMA (Sonntag, 14 Oktober 2018 03:05)

    Schöner Artikel, in dem du das Gebet jedes Einzelnen betrachtest, denn es ist so interessant und realistisch, dieses Thema anzusprechen und so wunderbare Blogs fortzusetzen.